Was macht ein Baumkletterer – und was ist Baumchirurgie?

Seit über 30 Jahren pflegt Ulrich Pfefferer Bäume: In den 80ern war der Baumkletterer ein Pionier seines Fachs. Damals hat er Baumchirurgie betrieben – um jedes Lebensjahr eines Baumes wurde gekämpft.

Als Ulrich Pfefferer und Dave Mac Intyre mit Seilsicherungen durch erhabene Bäume kletterten, manchmal sogar augenscheinlich schwebten und immer wieder mit sicherem Auge Hand an die Baumriesen legten, brachten sie jeden Zaungast zum Staunen. Das war Anfang der 1980er-Jahre. Heute gehören die Baumspezialisten zur ersten Garde in puncto Baumpflege, Fällung und Pflanzung.

Pioniere in luftiger Hïhe
“Wir waren jung und voller Tatendrang”, erinnert sich Ulrich Pfefferer nach über 30 Jahren an die Anfangszeiten. Das Baumklettern gehörte zumindest in Deutschland damals noch nicht zum Alltagsbild. Entsprechende Ausbildungsstellen in der Bundesrepublik waren sehr dünn gesät. Bei großen Baumpflegediensten wie in Berlin und in München heuerten immer öfter Engländer, Schotten, aber auch Amerikaner an, manche gaben ihr Können an Einheimische weiter. Für die wenigen Pflegespezialisten bot sich besonders im öffentlichen Raum ein riesiger Markt, der dazu führte, dass über das Bundesgebiet verstreut, Filialbetriebe entstanden.

Das war die Zeit, als sich die Wege von Ulrich Pfefferer und Dave Mac Intyre kreuzten. Gemeinsam erklommen die beiden Baumpfleger – Pfefferer hatte zuvor eine Ausbildung als Garten- und Landschaftsbauer absolviert – so manchen Baumwipfel im schwindelerregender Höhe. “Da waren die Techniken noch deutlich umständlicher. Ein schneller Ab- und Aufstieg verbot sich damals. Und so blieben wir manchmal mehrere Stunden oben in den Bäumen”, erinnert sich Pfefferer. Das hieß auch: Die Vesperpause entweder auf einem Ast sitzend zu erleben oder einfach ausfallen zu lassen. In jener Zeit lernten die beiden Baumkletterer auch Müllheim und das Markgräflerland kennen – und lieben.

Wechsel nach Müllheim
1984 wagten beide gemeinsam den Sprung in die Selbständigkeit, wechselten von Tübingen, ihrem ursprünglichen Standort, ins sonnige Markgräflerland und boten ihre für viele so exotisch anmutende Dienstleistung. Zuvor absolvierte Ulrich Pfefferer die Meisterschule für Garten- und Landschaftsbau. “Dave konnte seine schottischen Wurzeln nicht leugnen. Nach und nach wurden seine Aufenthalte in seiner schottischen Heimat länger”, erzählt Ulrich Pfefferer. Mitte der Neunziger Jahre trennten sich ihre Wege, Dave Mac Intyre entschied sich für ein Leben in Schottland.

“Wir haben viel dem früheren Bürgermeister von Müllheim zu verdanken”, stellt Ulrich Pfefferer fest. Hanspeter Sänger habe die Möglichkeiten der Pflege per Klettertechnik und den Erfahrungs- und Wissensschatz der beiden Baumkletterer erkannt und ihnen die Tür zum städtischen Baumbestand geöffnet. Das sprach sich in der Region herum: Folgeaufträge aus den Nachbargemeinden gingen immer häufiger ein. Und schon musste das junge Zwei-Mann-Unternehmen um weitere Kräfte erweitert werden. Mitarbeiter der ersten Stunde waren Robert Schreck und Carl Beier, kurze Zeit später komplettierte Margot Engler bis heute als die “Seele der Verwaltung” das Team. Heute zählt die Firma 14 Mitarbeiter.

Die Baumchirugie
Noch in den Achtziger Jahren wurde mit allen Mitteln um jedes Lebensjahr eines Baumes “gekämpft”. Der Begriff von der Baumchirurgie war geboren und wurde auch nach den damals neuesten Erkenntnissen auch von Ulrich Pfefferer und seinem Team praktiziert. Da wurden Faulstellen ausgeschnitten, Aushöhlungen nach chirurgischen Aspekten bearbeitet, verschlossen und versiegelt. “Das trieb immer häufiger zu skurrilen Ergebnissen, die am Ende teuer waren aber dem Baum nicht wirklich geholfen haben”, weiß Ulrich Pfefferer heute.

Nicht umsonst verschwand nach einigen Jahren die Baumchirurgie wieder ganz aus der Baumpflege. Geblieben sind heute nur noch die Kronenanker, die bei betagten Bäumen mit bruchanfälligen Kronen zusätzlich zu einem Entlastungsschnitt eingesetzt werden. Die damals praktizierte Chirurgie wich der heutigen Diagnostik mit modernen Geräten und gezielten Sondierungsbohrungen, die dann über Restwandstärke, Beschaffenheit, Hohlräume und vieles mehr Auskunft geben. “Heute geht es vor allen Dingen um Standsicherheit und Risiken für Passanten im öffentlichen Raum”, betont der Baumpflegespezialist.

Auch das Selbstverständnis hat sich gewandelt: Wenn der Erhalt eines kranken Baums keinen Sinn mehr mache, müsse man Mut zur Fällung zeigen. Das ist das Credo Pfefferers, der nicht lange “um den heißen Brei redet”, sondern klare Urteile fällt und entsprechende Empfehlungen an seine Auftraggeber gibt. “Das muss man aushalten, wenn man glaubwürdig bleiben möchte”, sagt er. Es geht ihm dabei nicht ums Fällen, sondern um die bestmögliche Lösung für jeden Baum.

Besondere Bäume
Es gibt für Ulrich Pfefferer Bäume, die fest in seinem Gedächtnis verankert sind, und die ihn bereits sein ganzes Berufsleben lang beschäftigen und begleiten. Beispielsweise die Müllheimer Platanenallee oder die Linde auf dem “Luginsland”. “Es sind oft spektakuläre Bäume in einer Wahnsinnslandschaft mit einer prächtigen Aussicht, die uns beschäftigen”, schwärmt er. Dass Pfefferer heute zu den Besten seines Faches gehört, zeigen die Aufgaben, die der bestens vernetzte Fachmann in Fachverbänden und sogar als Prüfer beim Bund Schweizer Baumpfleger, wahrgenommen hat. Und als Berater ist er heute ein gefragter Spezialist, der nach wie vor für “seine Bäume brennt”.

Volker Münch
Quelle: Badische Zeitung vom 02.06.2016