Ob’s gegen Krähen hilft, ist unsicher

Baumpflege an der Marktstraße hat gestern begonnen.

Zwei Wochen dauert es, dann sollen die Platanen im Bereich der Marktstraße, Kaiserstraße und Friedrichstraße zurückgeschnitten sein. Am Montagmorgen haben die Spezialisten der Firma Pfefferer Baumkultur aus Müllheim ihre Arbeit in luftiger Höhe begonnen und werden dabei auch alle Krähennester entfernen. Am Ende der zweiten Woche sollen dann unmittelbar vor Beginn der Brutzeit noch einmal jene Nester aus den Bäume genommen werden, die die Krähen bis dahin wieder gebaut haben – in der Hoffnung, dass sich die Vögel andere Standorte für ihre Kolonie suchen.

“Man merkt gleich, dass die Atmosphäre hier sehr angespannt und emotional ist”, erklärt Gottfried Schlichenmaier, der als diplomierter Forstwirt mit der Zusatzausbildung Fachagrarwirt Baumpflege das siebenköpfige Team leitet. Schon kurz nachdem er und seine Mitarbeiter angekommen waren, wurden sie von Anliegern angesprochen. “Da versucht natürlich jeder, uns seine speziellen Anliegen und Erwartungen zu erklären und den Schnitt noch zu beeinflussen”, schildert er. An dem, was die versierten Baumkletterer in den nächsten Tagen in Weil vorhaben, ändert das aber wenig.

Das sogenannte “Weiler Modell”, das Firmenchef Ulrich Pfefferer bereits vor sechs Jahren entwickelt hat, sieht vor, dass die Bäume an den Standort angepasst werden, ohne dass sie dabei verunstaltet werden. Allem voran heißt das, dass die weit ausladenden Äste so gekappt werden, dass hin zu den Nachbarn wieder etwas mehr Freiraum entsteht. Gleichzeitig werden die Kronen ausgelichtet und Gabelungen entfernt, die Krähen als Verankerung für ihre Nester bevorzugen.

“Wenn wir das gut machen, dann fällt das dem Laien gar nicht so seht auf”, erklärt Schlichenmaier. Der besondere Vorteil liegt darin, dass die Bäume anders als bei einem drastischen Zurückschneiden danach nicht so vehement ausschlagen, sondern ihre Form weitgehend beibehalten. Wie gut das funktioniert, belegen die Platanen selbst: Seit der Pflegemaßnahme vor sechs Jahren sind die Äste kaum mehr als eineinhalb Meter über die letzten Rückschnitt hinaus gewachsen. “Wenn da nicht die Krähen als Problem hinzugekommen wären, hätten wir mit dem nächsten Schnitt sogar noch ein paar Jahre warten können”, ist sich Schlichenmaier sicher. Bei einem drastischen Schnitt wäre das ein Vielfaches, lehre die Erfahrung.

Schwieriger sei es für ihn abzuschätzen, in wie weit die Vergrämung der Krähen, der Versuch, sie aus dem dichten Wohngebiet zu vertreiben, Erfolg bringt. “Die Vögel wollen Eier legen. Dazu bauen sie die Nester und das werden sie auch gleich weder versuchen, sobald wir hier weg sind”, weiß er aus Erfahrung. Das einfache Zurückschneiden der Bäume mit dem sogenannten Vergrämungsschnitt reiche zum Vertreiben in den seltensten Fällen. Daher habe man die Pflegeaktion rund um die Sparkasse auch mehrschichtig angelegt. “In dieser Woche beginnen wir mit dem Zurückschneiden und entfernen dabei alle Nester. Dann gibt es eine Woche Pause. Danach geht die Aktion weiter und parallel werden wir jene Nester, die in der Zwischenzeit wieder von den Krähen gebaut wurden, noch einmal entfernen”, schildert er den Ablauf. Wie weit die Krähen danach einen ganz neuern Standort suchen, lasse sich im Vorfeld trotz aller Berufserfahrung nicht abschätzen.

Eine gewisse Entlastung sollte das Zurückschneiden der Platanen auch in Hinblick auf die Pollen haben. Es werde wohl eine gewisse Zeit dauern, bis die Bäume wieder so intensiv ausblühen wie aktuell. “Ganz vermeiden lässt sich das aber nicht, die wirklich unangenehmen feinen Härchen gehören eben zu den Platanen”, so Schlichenmaier.

Das Team besteht aus ausgebildeten Baumkletterern, die, gesichert durch Seile, in schwindelnder Höhe ihrer Arbeit nachgehen. Eine besondere technische Herausforderung stellen die Platanen in Weil am Rhein dabei nicht dar. Mit geschätzten 40 Jahren seien die Bäume noch recht jung, sehr vital aber nicht allzu groß. “Platanen können eine gut zehnmal so gewaltige Krone ausbilden. Die hier ist eher überschaubar”, so Schlichenmaier, bevor er sich wieder angurtet und den Baum hinaufklettert, um selbst Hand anzulegen.

Ulrich Senf
Quelle: Badische Zeitung vom 23.02.2016