Mit Kran, Ketten und Säge

Beeindruckender Einsatz zum traurigen Anlass: Die Müllheimer Blutbuche ist gefällt.

Es war genau 12 Uhr mittags als der finale Schnitt den Stamm der Blutbuche vor der Villa Kräuter in der Werderstraße von der Wurzel trennte. Danach bestätigten sich die Untersuchungsergebnisse und Prognosen der Fachleute: Der Pilz hat dem Stamm deutlich zugesetzt, große Teile waren so weich, dass man das Holz mit den Fingern eindrücken konnte.

Vier Stunden zuvor waren die Vorbereitungen für die Fällung des Stadtbild prägenden Baumes angelaufen. Die Mitarbeiter der Firma Pfefferer Baumkultur hatten bereits den Bereich um die Blutbuche abgesperrt und sich mit vielen Haken, Seilen und Sägen ausgerüstet. Währenddessen wurde der Mobilkran von Reiner Jenny aufgebaut, das Fuhrunternehmen Redle platzierte einen großen Container für die Abfuhr des Schnittholzes. Um 8.25 Uhr brachten sich die Baumpfleger in Position. Kathrin Schneider ließ sich vom Kran in die obersten Hauptäste tragen, befestigte immer wieder schwere Ketten, an denen Zimmerermeister Reiner Jenny die abgesägten Äste gekonnt aus dem Baum hob. Ganz sachte betätigte er die Joysticks im Führerhaus seines Mobilkrans, während Christian Güde Ast für Ast mit zwei Schnitten seiner Kettensäge vom Stammholz löste.

Vorsichtig bewegte Jenny dann den Kranarm hin und her, manchmal auch hoch und runter. Es erinnerte durchaus an einen zahnmedizinischen Eingriff, bei dem ein Zahn gezogen wird. Dann ein dumpfes Knacken und schon hing bereits um 8.35 Uhr der erste Hauptast am Haken des Krans. Stunde um Stunde kämpften sich die Baumkletterer von Ast zu Ast, fixierten diese mit den Ketten. Durch dieses schrittweise Vorgehen war es möglich, den Baum sicher zu entfernen, ohne dass die Werderstraße, außer für ein paar kurze Momente, gesperrt werde musste. Langsam lichtete sich das Astgewirr. Irgendwann hing dann die Krone des Baums in der Luft. Unten am Boden sägten Stefan Haberstock und Bastian Höffken die gefällten Baumteile zu transportablem Restholz zusammen und verluden es gleich in den Container.

Zuletzt war der Baum ein unkalkulierbares Risiko
Biologe und Baumexperte Jens-Uwe Voss sowie Baumpfleger und Firmenchef Ulrich Pfefferer warteten gespannt auf die ersten sichtbaren Schäden, die seit vielen Jahren durch einen aufsteigenden Pilz am Stammholz erwartet werden. Zahlreiche Untersuchungen und viele baumpflegerische Maßnahmen hatten zwar das Leben des rotlaubigen Baumes erheblich verlängert. Zuletzt aber waren die Schäden als so groß vermutet worden, dass der Baum für den Verkehr und die Passanten zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden wäre. Deshalb entschied sich auch die Sparkasse als Eigentümer des imposanten Baums schweren Herzens zu dieser Fällung – mit der Zusage am Tag des Baumes – am 25. April – wieder einen stattlichen Ersatzbaum, vermutlich einen Tulpenbaum, an derselben Stelle zu pflanzen.

Um 11.35 Uhr wurde der letzte Hauptast entfernt. Mittlerweile hatten sich Schaulustige auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo die Sonnenstrahlen das Warten angenehm gestalteten, eingefunden. Viele betrachteten das Spektakel mit gemischten Gefühlen. Der Satz: “Ist schon sehr schade, dass dieser Baum jetzt wegmuss” fiel mehr als einmal. Während die Baumkletterer dem Hauptstamm zu Leibe rückten, beobachtete Ulrich Pfefferer den Verkehr, leitete Passanten um den Gefahrenbereich herum und gab bereitwillig Auskunft über das Projekt.

Dann war es soweit: Pünktlich um 12 Uhr mittags setzten die Baumpfleger eine Kettensäge mit sehr langem Schwert an der Basis des Stammes an. Trotz Komplikationen mit einer Säge, die Kette war heruntergesprungen, dauerte es nur zehn Minuten, bis der Stamm seinen Widerstand aufgegeben hatte und am Kranarm baumelte. Dann die erste Inaugenscheinnahme: Es bestätigte sich, was die unentwegt aus dem Stammholz quillenden Pilze vermuten ließen. Am Fuße des Stammes war das Holz in großen Teilen bereits zersetzt. Allerdings: Prognosen, wie lange der Baum noch hätte stehen können, bewegten sich zwischen mehreren Jahren und wenigen Wochen. Schon ein weiterer Sturm hätte, so Voss, den Baum umwerfen können. Es geht auch noch heimtückischer: Der Baum hätte auch jederzeit ohne einen sichtbaren Grund zusammenbrechen, Autos und Passanten unter sich begraben können. “Dieses Risiko kann niemand tragen wollen”, sagt Voss. Auch Sparkassendirektor Ulrich Feuerstein machte sich vom Zustand des Baums ein Bild und war sichtlich erleichtert, dass man die richtige Entscheidung getroffen hatte. In den kommenden Tagen wird nun die Wurzel ausgefräst und der Standort für den neuen Baum vorbereitet.

Volker Münch
Quelle: Badische Zeitung vom 25.02.2016