“Achtung, Baum fällt!”

Eine Woche lang haben angehende Baumkletterer in Müllheim gelernt, wie sie sich beim Arbeiten in den Wipfeln absichern.

Im Wipfel der Birke raschelt es. “Achtung, Ast fällt!”, ruft Joachim noch etwas zaghaft aus dem Blätterdickicht. Unten auf dem Parkdeck des Müllheimer Rathauses gibt sein Übungspartner Leon etwas Seil nach. Eine Woche lang waren vier angehende Baumkletterer mit ihrem Ausbilder Dennis Stapf von der Münchner Baumkletterschule vor Ort, um zu lernen, wie ein Baum sicher fällt.

Kursleiter Dennis Stapf ist noch nicht ganz zufrieden damit, wie sich seine Prüflinge im Baum vortasten. “Reiß da mal noch das Efeu raus, damit das Seil freiliegt”, ruft er lautstark in Richtung des Stiefelpaars, das da im Wipfel baumelt. Stapf, der in Mülheim an der Ruhr eine Baumpflegefirma betreibt, weiß, worauf es ankommt. “Fitness ist von Vorteil, aber wie in jedem handwerklichen Beruf kommt es auf die richtige Technik an”, raunt der 43-Jährige.

Bevor es für die vier Teilnehmer des B-Kurses in den Baum geht, trommelt er die Truppe nochmal zur Teambesprechung zusammen. Lange Vorreden sind nicht seine Sache. Stapf kommt gleich zum Punkt. “Was hat die niedrigste Bruchlast”, fragt er in die Runde. Sicherheit ist ein wichtiges Thema für Baumpfleger. “Wenn das Seil reißt, gibt es einen blauen Fleck, fliegt Metall durch den Baum wird’s gefährlich”, fasst er die Problemlage markig zusammen. Die knackige Ansage kommt an. Die Kursteilnehmer sammeln konzentriert ihre Arbeitsmaterialien zusammen: Augen- und Gehörschutz, Bremsgerät, Rolle und Motorsäge. Dann nehmen sie den Baum, an dem sie üben sollen, in Augenschein.

Die Birke am Müllheimer Rathaus ist nicht mehr standsicher. Das hat schon der örtliche Partnerbetrieb, die Baumpflegefirma Pfefferer herausgefunden. Doch wer den Schein für die erfolgreiche Kursteilnahme mit nach Hause nehmen will, muss da nochmal selber ran. Im Fachjargon nennt sich dieser Teil der Übung “Gefahrenermittlung”. Wie es um den Baum bestellt ist, kommt ins Protokoll. Darin vermerkt Stapf auch, dass der Einsatzbereich ordnungsgemäß abgesichert wurde. Absperrband angebracht? Check!

Die vier angehenden Baumkletterer haben bereits 300 Seilstunden im A-Kurs absolviert. Anfänger ist hier keiner. Doch für Ausbilder Stapf zählt nur, was seine Jungs fachlich draufhaben. “Ein guter Kletterer ist nicht unbedingt auch ein guter Baumpfleger”, sagt er trocken und schiebt sich den silbernen Armreif an seinem Handgelenk hoch. Eigentlich könnte das eher schmächtige Bäumchen auch auf einen Schlag gefällt werden. Das wäre zwar effektiv, aber darum geht es an diesem Tag nicht. Die Übung ist das Ziel. Also los. Joachim steckt seinen Fuß in die Schlaufe und hievt sich in die Höhe. Als er oben im Wipfel ankommt, hört man nur noch das Klacken der einrastenden Karabiner am Ankerpunkt.

Ausbilder Dennis Stapf schickt noch eine letzte Anweisung hinterher: “Wenn ich pfeife oder Stop rufe, wird die Kettenbremse reingemacht”. Ausnahme ausgeschlossen. “Dann können wir diskutieren.” Und noch einen Tipp gibt’s vom Profi. “Am besten ihr benutzt dicke, speckige Lederhandschuhe für diese Arbeit”.

Der Arbeitseinsatz der Truppe ist nicht unbemerkt geblieben. Vor dem Absperrband versammeln sich einige Schaulustige – und sparen nicht mit Tipps. “Den Helm nicht vergessen!”, ruft einer und zieht an seiner Zigarette. Doch da reißt auch schon wieder Ausbilder Stapf das Wort an sich. Diesmal etwas leiser und in Richtung des kleinen Mikrofons, das an seinem Helm klemmt. “Ach”, sagte er und schmunzelt verschmitzt, “ich habe ja auch Funk.” Kommunikation ist bei der Arbeit in der Baumkrone besonders wichtig. Auch das bläut Stapf seinen Kursteilnehmern ein. Als ein Ästchen zu Boden segelt, hebt er die Stimme. “Immer erklären, was du vorhast”. Also nochmal. “Achtung, Ast!”.

Julia Jacob
Quelle: Badische Zeitung vom 10.08.2016